Wer ihm wohlgesonnen ist würde ihn einen Künstler nennen. Einen Lebenskünstler. Wer ihm wohlgesonnen ist würde sagen, er sei jemand der andere Wege geht. Ein Outlaw. Wer ihn verachtet würde sagen er sei ein Penner. Ein Asozialer. Ein Schmarotzer und Nichtsnutz. Tatsächlich bewegt er sich zwischen diesen Extremen. Erregt das Ärgernis Mancher, und die Bewunderung Anderer. Was dieser Mann tut; nichts. Er tut rein gar nichts, und das reicht schon aus. Jochen Picht heißt dieser Mann, 38 Jahre alt, studierter Philosoph. Er hat sich schon lange dem Nichtstun zugewandt, keine Arbeit, kein geregelter Tagesablauf, keine Verantwortung. „Der Staat beschenkt mich auch“ sagt Jochen Picht. Geschenke bekommt er auch von seiner Mutter, seiner Cousine und Freunden. Mal Möbel, einen Laptop, nur die Bettwäsche die hat er sich von seinem eigenen Geld gekauft. Seinem eigenen selbstverdienten Geld. Denn, gearbeitet hat er schon. Ab und zu, ungeregelt und nicht fest. Doch davon hat er sich verabschiedet. Kommt man montagmorgens um zehn Uhr in Jochen Pichts spärlich möbliertes Schlafzimmer, dann riecht es nach Schlaf und nach kaltem Rauch. Wenn für Andere die Arbeitswoche beginnt, schläft Jochen Picht . Er hat keinen Grund aufzustehen, Arbeit wartet auf ihn nicht. Er will auch gar nicht, er hat die Arbeitslosigkeit selbst gewählt. Arbeiten, das ist nichts für Jochen Picht. Um zehn Uhr an einem Montagmorgen begrüßt er einen noch recht verschlafen, aber gesprächig. Groß und dünn ist Jochen Picht, hat schütteres Haar. Leicht unrasiert an diesem Montagmorgen. Hat er ein paar Sätze gesprochen, bemerkt man sofort dass er sich ausdrücken kann. Sein Philosophiestudium klingt in jedem seiner Worte mit. Er überlegt genau was er sagt, sagt es diffus, doch man kann verstehen wenn man verstehen will. Trotzdem, manches bleibt im Unklaren. Gern schaut Jochen Picht aus dem Fenster, lässt das Leben da draußen an ihm vorbei ziehen, beobachtet und macht sich seine Gedanken. Mit Müßiggang habe das nichts zu tun, er habe schon als Kind gern aus dem Fenster geschaut. Die Welt vor seinem Fenster, ist eine Welt an der er keinen Anteil nimmt. „Man kommt aus der Tür und weis gar nicht das Feiertag ist“, so etwas kommt schon mal vor in der Welt des Jochen Picht. Wenn er sich aus dem Bett gequält hat, schlüpft er in seine gelben Clogs. Auch die, ein Geschenk. Eigentlich ein Erbe, von einem guten Freund, welcher „Opfer der Gesundheitsreform“ wurde. Er konnte die zehn Euro für den Arzt nicht aufbringen und starb. Es sind vermutlich solche Äußerungen, die den Zorn seiner Mitmenschen erregen. Empfängt schon Hartz IV und hat noch die Frechheit den Staat zu kritisieren, hört man sie schimpfen.
Jochen Picht tritt aus der Tür, heute ist kein Feiertag. Er schwingt sich auf sein Mofa und tuckert die Straßen des Kölner Arbeiterviertels entlang. Fast schon eine Ironie, dass er ausgerechnet hier, im Arbeiterviertel Quartier bezogen hat. Doch sieht man genauer hin, dann fällt auf dass es hier nicht mehr viel Arbeit gibt, und auch nicht viele die arbeiten. Da fällt Jochen Picht kaum auf. Das Mofa fahren, das mag er. Langsam, gemächlich. Nur ein Gang, drauf steigen und los fahren. Kein Geschwindigkeitsrausch, kein Leben auf Koks. Dafür eine Flasche Bier am Rhein, ganz gemütlich. Auf der Brücke hinter ihm fahren die Züge vorbei, um diese Zeit voll mit Pendlern. Das müssen jene „Momente des geistigen Genusses“ sein, von denen er so gern erzählt. Dann wechselt Jochen Picht das Thema; Arbeit. Es klingt fast als wolle er sich rechtfertigen, wenn er über Arbeit spricht. „ Arbeit – wie Gefängnis“, er möchte „die Lichtstimmung in Freiheit erleben“. Sein Blick wendet sich einer Industriebrache zu, irgendwie bezeichnend für diesen Moment.
Doch da gibt es etwas, etwas für das Jochen Picht Verantwortung übernehmen muss, sein kleiner Sohn. Der wohnt oben im Norden, bei seiner Mutter. Sie war die kleine Liebe im Leben des Jochen Picht. Die große Liebe, die hat er selbst zerstört, gesteht er. Noch nachdenklicher und ein wenig melancholisch wirkt er jetzt, wenn er von den Frauen in seinem Leben erzählt. Doch wie mit allem, macht er sich auch mit den Frauen keinen Stress. Sie kommen und gehen.
Jochen Picht sitzt im Zug. Auf dem Weg nach Norden, zu seinem Sohn. Ein gutes Verhältnis habe er zu seinem Sohn. „Der weis wie der Vater ist“ – kein Grund sich zu rechtfertigen, nicht vor seinem Sohn. Im Zug erzählt er von einer Bekannten seiner Ex. Der Mutter seines Sohnes. Diese Bekannte, sie arbeitet in einer Bibliothek, würde „sehr gern ficken“. Jochen Picht lacht schälmisch. Provozieren kann er ja. Nichts von Provokationen, nichts von Vorträgen über Arbeit, das Leben und die Leichtigkeit des Seins, wenn er mit seinem Sohn zusammen ist. Er genießt die Zeit mit seinem Jungen. Er liebt ihn sehr. Spielt mit ihm am Strand, liest ihm Gute-Nacht-Geschichten vor. Die Zeit ist unbeschwert, vielleicht auch weil sein Sohn noch zu jung ist um unbequeme Fragen zu stellen. Auf der Heimfahrt wirkt Jochen Picht traurig, die Zeit war kurz. Am liebsten würde er in der Nähe seines Kindes wohnen. Da, wo er jetzt hinfährt ist er „nichts und hat auch nichts“. Alles was er ist, ist er durch seinen geliebten Jungen.
Es fällt schwer bei diesem Mann Objektiv zu bleiben. Vieles was er sagt, das denken sich viele. Den Schritt den er gewagt hat, in die selbst gewählte Arbeitslosigkeit, den trauen sich nur wenige. Die Konsequenzen die er tragen muss sind bitter. Ein Leben am äußersten sozialen Rand der Gesellschaft. Geächtet und gemieden von vielen die seine Lebensgeschichte kennen. Es ist der Preis der Freiheit. Seine Freiheit. Doch was bleibt ist das Gefühl, dass im Leben des Jochen Picht etwas auf der Strecke geblieben ist, und die Frage: „Wo fahr ich hin?“
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