Donnerstag, 27. August 2009

„Reggaemusic is love, is peace, is unity“

Der 3. Ruhr Reggae Summer präsentiert ein Land der Rastas und des Reggae – es ist eines der Gefährlichsten der Welt

Was für eine Harmonie, welch Eintracht. Dieses liebevolle Miteinander. Alle sind sie so furchtbar nett, der Umgang ist so herzlich, als kenne man sich seit Jahren. Hunderte Menschen, und alle sind sie einander Freund. Gemeinsam tanzen sie ausgelassen zu den rhythmischen karibischen Klängen. „Reggaemusic is love, is peace, is unity“. Recht hat er, der jamaikanische Reggaemusiker Anthony B., das muss Liebe, Frieden und Einheit sein. Wenn Jamaika nur halb so schön ist wie der 3. Ruhr Reggae Summer in Mühlheim an der Ruhr, dann ist es wahrhaft ein Paradies. Eine schöne Illusion - mehr nicht .
Tatsächlich rangiert Jamaika auf Platz sechs der gefährlichsten Länder der Welt, gemessen an den Opfern durch Gewaltverbrechen. Nur solche Länder, wie der vom Bürgerkrieg gebeutelte Kongo stehen in der Statistik noch höher. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den jamaikanischen Ghettos – wie Trenchtown, dem Geburtsort Bob Marleys – liegt bei 25 Jahren. Gewalt, Drogen und Missbrauch sind Alltag auf Jamaika, einem Land das so schön und so schrecklich sein kann.
Die Runde stellt sich vor
Unser Lager schlagen wir direkt an der Ruhr auf, leider auch in unmittelbarer Nähe zur A 40. Ein Umstand, der einem in den frühen Morgenstunden leicht den Schlaf rauben kann. An den permanenten Lärm der Autobahn gewöhnt man sich erstaunlich schnell, an das Hupen der Fernfahrer nicht. Sie machen sich einen Spaß daraus, die kampierenden Massen auf dem Acker unter der Autobahnbrücke durch ihre Fanfaren aus dem Schlaf zu reißen. Die gut gelaunte und gut abgefüllte Gemeinschaft besteht aus sieben Mann und einer Frau. Um den in der Mitte platzierten Pavillon scharen sich fünf Zelte. Das ganze wirkt wie ein Archipel in einem Meer aus aberhunderten anderen Iglus, Pavillons und Gemeinschaftszelten. „Das wird ein geiles Wochenende“ sagt Maik, 25 Jahre, „Nehm euch ein gekühltes Bier“. Gerne Maik! Es ist wirklich für alles gesorgt. Maik ist Koch, hat einen zackigen Bürstenhaarschnitt und trägt einen lässigen Dreitagebart. Seine Freundin stellt den weiblichen Anteil an der illustren Runde. Ben und Marcel sitzen auf der Bierzeltgarnitur und studieren das Festivalprogramm. Das Lineup ist vielversprechend; Mr. Vegas, Anthony B., Shaggy – Größen der Reggae- und Dancehallmusik. Daneben noch zahlreiche deutsche Künstler, der bekannteste vielleicht ist Nosliw. Ben und Marcel sind Biologiestudenten, die drei Tage Ruhr Reggae Summer sollen ihre letzte Erholung vor der Diplomarbeit sein. Mit Christian, Micha und Toni ist die Truppe vollständig. Micha und Toni sind zwei unauffällige Typen, die ihrer Antriebslosigkeit Ausdruck verleihen, indem sie ihre Aktivitäten gänzlich nur aufs Biertrinken reduzieren. „Eigentlich will ich hier den ganzen Tag nur sitzen und trinken“, wirft Micha in die Runde während er kurz sein Bier absetzt, um es darauf wieder zum Mund zu führen. An Tonis bejahendem Kopfnicken kann man erkennen, dass er dieser Idee nicht abgeneigt ist. Anders Christian, ein quirliger dürrer Typ mit langen, zu einem Zopf gebundenen, lockigen Haaren. Der Begriff „Weltenbummler“ beschreibt Christian ganz passend. Mit seinem alten VW-Transporter aus Bundeswehrbeständen tourt er regelmäßig durch Europa; Kroatien, Bosnien, Italien. Er kann viel über andere Länder, Kulturen und interessante Menschen erzählen.


Versuch einer Typisierung
Das Publikum auf dem Ruhr Reggae Summer-Festival lässt sich in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe stellen zweifelsohne die Reggae-Fans, welche sich auch als solche zu erkennen geben. Dreadlocks, T-Shirts in den Ampelfarben oder bedruckt mit dem Konterfei Haile Selassie I., dem letzten Kaiser Äthiopiens und für die Rastas eine gottgleiche Gestalt. Die wenigsten sind Farbig, es sind weiße Jungs und Mädchen die eine tiefe, vereinzelt auch spirituelle, Verbundenheit zu der Rastakultur pflegen. Die Anhänger der zweiten Gruppe ähneln optisch sehr den „weißen Rastas“, nur sind sie mindestens 30 älter. Es sind Alternative, „Alt-68ger“, Hippies die sich wohlmöglich noch mehr als die Jugendlichen darüber freuen, dass auf Reggae-Festivals im Allgemeinen recht ungestört Marihuana konsumiert werden kann. Die dritte und letzte Gruppe stellen diejenigen, welche kaum als Fans der Reggaemusik wahrzunehmen sind. Sie mögen die Musik, das offen zur Schau zu stellen ist ihnen allerdings zuwider.
400 Years (Bob Marley)
Wie kein anderes Musikgenre ist die Reggae- und Dancehallmusik an die Insel Jamaika gebunden. Es gibt genügend bekannte und unbekannte deutsche Reggae-Interpreten, echter Reggae und Dancehall kommen aber aus Jamaika. Ohnehin ist Jamaika schwer in Mode auf dem Ruhr Reggae Summer; jamaikanisches Essen, jamaikanische Flaggen, landestypischer Schmuck und Literatur über und aus Jamaika. Die kleinen Buden auf dem Festivalgelände verkaufen beinahe alles, was in Verbindung mit Jamaika, den Rastas und Reggae gebracht werden kann. Dabei ist das Verhältnis der Rastafari zu Jamaika kompliziert. Sie hegen eine tiefe Liebe zu Flora und Fauna der Karibikinsel, verstehen ihr Tun und Wirken als nachhaltig und versuchen möglichst in Einklang mit der Natur zu Leben. Das politische System auf Jamaika wird strikt abgelehnt und als „babylonisch“ bezeichnet. Armut und Gewalt werden als gesellschaftliche Probleme wahrgenommen, dessen die Politiker nicht Herr werden. Eine Lösung sehen die Rastafari nur in einer spirituellen Rückkehr zu den afrikanischen Wurzeln. Ein religiöses Empfinden, was eigentlich nur die Jamaikaner verstehen können. Es ist geboren aus der Geschichte dieser Menschen, eine Geschichte der Verschiffung und Sklaverei. Eine 400 Jahre alte Geschichte, die immer noch präsent ist und Jamaika bis in die Gegenwart daran hindert stabile gesellschaftliche Strukturen vorzuweisen.
Musik zum entspannen und zum Feiern
„Ring the alarm…“ dröhnt es aus dem tragbaren CD-Player, „…another sound is dying”. Nach dem Auftritt von Anthony B. haben sich alle wieder in ihrer Zeltstätte eingefunden. Es ist spät und die Gesprächsthemen gehen aus, ohnehin wird langsam die Zunge schwer. Es war ein guter Auftritt, gute Stimmung, gutes Programm. Auch die drei Zugaben sein nicht selbstverständlich, versichert der routinierte Festivalbesucher Ben, er habe schon ganz andere Festivals erlebt, da hätte es überhaupt keine Zugaben gegeben. Maik verkriecht sich grade zu seiner Freundin ins Zelt, während Micha und Toni immer noch ihre Anteilnahme auf ein Minimum beschränken.
Anthony B. spielte das, was verlangt wurde. Ruhige Reggaebeats gefolgt von schnellen Dancehallriddims, Musik zum entspannen und zum feiern. Die gesellschaftskritischen Lieder, jene die Gewalt anprangern, die auf Missstände aufmerksam machen; fehlten an diesem Abend. Vielleicht weil kaum einer der Festivalbesucher das jamaikanische Kreol-Englisch „Patois“ versteht, vielleicht auch weil es sich zu solchen Liedern nicht gut entspannen oder feiern lässt.

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