Der Flur ist leer. Noch vor wenigen Stunden drängten sich hier Menschen aneinander vorbei. Hörte ich Stimmen und Schritte und den Kopierer, der sich Blätter zog und sie wieder auswarf. Aber nachmittags ist alles still. Am Donnerstag verlassen sie immer früh das Haus, manchmal wundere ich mich, wer nach mir die Tür abschließt. Ob da überhaupt noch jemand ist, der diese Aufgabe übernimmt? Vielleicht wird sie ja bald mir zu Teil, wenn sie registrieren, dass ich nach der großen Flucht dageblieben bin. Natürlich bin ich nicht allein. Da ist noch die Putzfrau, der Hausmeister, manchmal auch der Direktor. Sie verstecken sich in ihren Kammern und warten darauf, dass ich das Gebäude verlasse, bevor sie dann selber die Flucht ergreifen. Es muss ein Gesetz geben, das es jedem verbietet zu gehen, bevor ich noch nicht gegangen bin. Es ist nicht spät – früher Nachmittag – und doch ist es eine Stille wie in jener einen Stunde. Ich meine diese eine Stunde zwischen drei und vier Uhr in der Früh, wenn die Nacht sich neigt, aber der Tag noch auf sich warten lässt. Wenn kein Auto mehr auf den Straßen fährt und niemand meinen Weg kreuzt. Ich bin oft in jener Stunde nach Hause gekommen, daher ist mir diese Stille vertraut. Aber ist es dann ganz und gar still? Natürlich nicht. Geräusche sind auch dann noch auszumachen – vor allem die Eigenen. Der eigene Atem zum Beispiel. Die Luft, die ich durch meine Nüstern ziehe, um sie aus meinem Mund wieder entweichen zu lassen (der Kopierer tut es übrigens eben so. Er zieht sich lautstark das Papier, um es gleich darauf wieder auszuspucken). Ich nehme ihn sonst den ganzen Tag kaum war. Aber in jener Stunde, allein unterwegs auf den Straßen der Stadt, da kommt mir mein Atem so vertraut – ja, so beruhigend vor. Jetzt höre ich ihn wieder, und es wundert mich, dass die Sonne noch scheint an diesem Spätsommer-Nachmittag. Der Spätsommer ist wie jene Stunde zwischen drei und vier Uhr in der Früh. Wenn der Sommer sich neigt, aber der Herbst noch auf sich warten lässt. Es ist ein ganz besonderes Licht an diesen Spätsommer-Nachmittagen, kein Sommer-Licht und kein Herbst-Licht. Es ist etwas diffuses, irgendetwas für das es keinen Begriff gibt, aber jeder kennt es. Es ist ein Licht für das es keinen Begriff gibt, weil es kein Wort zu fassen wagt, weil es zu speziell ist um in einem Wort gefasst zu werden. Alle Bemühungen es in einem widerlichen Wortkonstrukt wie „Spätsommer-Licht“ zu fassen sind vergebens. Vielleicht auch, weil es überhaupt kein „Spätsommer-Licht“ gibt, weil es nur ein Gefühl von „Spätsommer-Licht“ gibt, und niemand das gleiche Licht fühlen kann, wie ich es grade tue. Aber, und dessen bin ich mir sicher, jeder hat es schon gefühlt, zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten. Für mich ist es aber kein Gefühl des Aufbruchs. So wie der Morgen, der sich allmählich bahn bricht in die Nacht, oder der Herbst, der Selbiges mit dem Sommer tut. Ich verlasse etwas. Ich lasse irgendetwas zurück. Ein Mädchen, ein Land oder weis Gott was sonst. Wenn ich nur wüsste was ich zurück lasse, vielleicht würde es mir helfen dieses Gefühl, dieses Licht in Worte zu fassen. Vielleicht sogar in einem einzigen Wort. Ein Wort das alles erklärt und für Jeden verständlich ist. Ein abstrakter Begriff, der die ungeheure Stärke dieses Gefühls bemisst, und so einen Richtwert angibt. Einen Richtwert, an dem sich alle anderen starken Gefühle bemessen lassen. So wie Geld, als ganz und gar abstraktes Konstrukt, einen Richtwert für den Wert einer Ware oder den Wert einer Arbeit geben kann.
Dieses unbeschreibliche Licht dringt durch die Fensterfront in den Flur hinein, und taucht alles in ein unbeschreibliches Gefühl. Ich habe meine Sachen gepackt, meinen Schreibtisch geräumt und mein Möglichstes getan. Ich werde nie wieder an diesen Ort zurückkehren.
Donnerstag, 27. August 2009
Literaturempfehlung
"Psychopathologie der Macht - Die Zerstörung Jugoslawiens im Spiegel der Biografien von Milosevic, Tudjman und Izetbegovic" von Sead Husic, Verlag Hans Schiler, 1. Auflage 2007
Das Buch "Psychopathologie der Macht:..." gibt sehr interessante Einblicke in die Biografien der Menschen Milosevic, Tudjmann und Izetbegovic. Es beschäftigt sich mit den Hintergründen der Lebenswege dieser Politiker, und hilft die historischen Umstände des Kriegs in Jugoslawien zu verstehen. Der Autor beschäftigt sich ausgiebig mit den besagten Politikern und mit der jeweiligen Ethnie, welcher sie angehören. Er verwendet viele literarische Quellen und verfolgt unterschiedliche interessate Ansätze. Dabei lässt er sich nicht verleiten, einer bestimmten Position pateiisch gegenüber zu stehen. Er bleibt durchweg obejektiv und versucht zu beschreiben, ohne zu werten. Das Buch setzt allerdings gewisse Vorkenntnisse in der jüngsten jugoslawischen und europäischen Geschichte voraus. Es ist kein Nachschlagewerk über den Jugoslawienkrieg und es thematisiert nicht in erster Linie die Geschehnisse des Konflikts, sondern die Hintergründe der Staatsoberhäupter und die Hintergründe der kriegsbeteiligten Ethnien. Sehr gut ist auch, dass der Autor sich ausgiebig mit der Person Izetbegovic beschäftigt. Das Buch ist gut lesbar geschrieben und bietet ungewohnete Ansätze, die Konflikte auf dem Balkan zu begreifen.
Das Buch "Psychopathologie der Macht:..." gibt sehr interessante Einblicke in die Biografien der Menschen Milosevic, Tudjmann und Izetbegovic. Es beschäftigt sich mit den Hintergründen der Lebenswege dieser Politiker, und hilft die historischen Umstände des Kriegs in Jugoslawien zu verstehen. Der Autor beschäftigt sich ausgiebig mit den besagten Politikern und mit der jeweiligen Ethnie, welcher sie angehören. Er verwendet viele literarische Quellen und verfolgt unterschiedliche interessate Ansätze. Dabei lässt er sich nicht verleiten, einer bestimmten Position pateiisch gegenüber zu stehen. Er bleibt durchweg obejektiv und versucht zu beschreiben, ohne zu werten. Das Buch setzt allerdings gewisse Vorkenntnisse in der jüngsten jugoslawischen und europäischen Geschichte voraus. Es ist kein Nachschlagewerk über den Jugoslawienkrieg und es thematisiert nicht in erster Linie die Geschehnisse des Konflikts, sondern die Hintergründe der Staatsoberhäupter und die Hintergründe der kriegsbeteiligten Ethnien. Sehr gut ist auch, dass der Autor sich ausgiebig mit der Person Izetbegovic beschäftigt. Das Buch ist gut lesbar geschrieben und bietet ungewohnete Ansätze, die Konflikte auf dem Balkan zu begreifen.
Kommentar
Wir lesen anders!
Generationsspezifische Rezeption
Wenn der Rundfunk als Sargnagel der Printmedien galt, so muss das Internet der Hammer sein, der ihn reinschlägt. Sind Bücher, Zeitungen und Zeitschriften Relikte einer längst vergangenen Epoche? Welch Glück, dass wir lesen und schreiben können. Welch Pech, dass wir dieses Können nicht anzuwenden brauchen. Werden wir zu einer Generation der Analphabeten?
Nein. Es stimmt, das Internet hat unsere Lesegewohnheiten verändert. Der Klick auf Wikipedia ist uns näher, als der Griff zum Brockhaus. Doch ist das Internet nichts anderes, als eine riesengroße globale Bibliothek. Tatsächlich könnte man auf klassische Printmedien verzichten. Jede große, und fast jede kleine Tageszeitung, besitzt Internetauftritte, jedes Nachrichtenmagazin ist im Internet präsent und viele Bücher sind über das Internet als E-Books erhältlich. Doch bleibt der Weg zur Rezeption der Gleiche, ob auf Papier gedruckt oder als Datenpakete ins Web getippt – lesen ist der Weg zum Verständnis.
Das Internet bietet die Möglichkeit gezielter nach Medieninhalten zu suchen, auch nach Printmedien. Es mag also sein, dass wir in unserer Auswahl strenger geworden sind, weil wir nur noch das rezipieren was uns wirklich interessiert, weil wir unabhängiger werden von Tageszeitungen und Magazinen – und ihren politischen Tenor. Der Leser muss streng auswählen bei einer Vielzahl von globalen Printmedien. Hoffentlich trifft er immer die richtige Wahl.
Generationsspezifische Rezeption
Wenn der Rundfunk als Sargnagel der Printmedien galt, so muss das Internet der Hammer sein, der ihn reinschlägt. Sind Bücher, Zeitungen und Zeitschriften Relikte einer längst vergangenen Epoche? Welch Glück, dass wir lesen und schreiben können. Welch Pech, dass wir dieses Können nicht anzuwenden brauchen. Werden wir zu einer Generation der Analphabeten?
Nein. Es stimmt, das Internet hat unsere Lesegewohnheiten verändert. Der Klick auf Wikipedia ist uns näher, als der Griff zum Brockhaus. Doch ist das Internet nichts anderes, als eine riesengroße globale Bibliothek. Tatsächlich könnte man auf klassische Printmedien verzichten. Jede große, und fast jede kleine Tageszeitung, besitzt Internetauftritte, jedes Nachrichtenmagazin ist im Internet präsent und viele Bücher sind über das Internet als E-Books erhältlich. Doch bleibt der Weg zur Rezeption der Gleiche, ob auf Papier gedruckt oder als Datenpakete ins Web getippt – lesen ist der Weg zum Verständnis.
Das Internet bietet die Möglichkeit gezielter nach Medieninhalten zu suchen, auch nach Printmedien. Es mag also sein, dass wir in unserer Auswahl strenger geworden sind, weil wir nur noch das rezipieren was uns wirklich interessiert, weil wir unabhängiger werden von Tageszeitungen und Magazinen – und ihren politischen Tenor. Der Leser muss streng auswählen bei einer Vielzahl von globalen Printmedien. Hoffentlich trifft er immer die richtige Wahl.
Kommentar
Das Ende der Expansion
Die Europäische Union ist in den vergangenen zehn Jahren von 15 auf 27 Mitgliedsstaaten expandiert. Viele dieser Erweiterungen waren sinnvoll um die europäische Einigung weiter voranzutreiben, doch haben sie die EU handlungsunfähiger gemacht. Längst ist die EU kein rein ökonomisch agierender Apparat mehr, sie hegt zunehmend politische Ambitionen. Die Gesetzgebung aus Brüssel nimmt immer stärkeren Einfluss auf die Innenpolitik der Mitgliedsstaaten. Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei wäre aus ökonomischen, wie politischen Gründen heikel. Die Türkei ist in ihrer Fläche doppelt so groß wie Deutschland, mindestens sieben verschiedene Ethnien bewohnen dieses Staatsgebiet. Vor allem zwischen Kurden und Türken kommt es immer wieder zu Konflikten. Der türkische Staat ist zerrissen zwischen Militarismus, Kemalismus und Islamismus. Eine Einigung zwischen der Türkei und Griechenland um die Insel Zypern ist bis heute nicht erfolgt. Ist die EU stark genug sich solcher politischer Probleme anzunehmen? Die Volkswirtschaft der Türkei kämpft nach wie vor mit strukturellen Problemen, so ist der Osten des Landes nur gering wirtschaftlich Entwickelt. Im europäischen Teil des Landes, vor allem in der Hauptstadt Istanbul, nähern sich die Durchschnittslöhne westeuropäischem Niveau an. In der Zentral-Türkei liegen sie deutlich darunter, das dünn besiedelte Südostanatolien nahe der irakischen Grenze gilt als Armenhaus der Türkei. Ist die EU stark genug sich solcher ökonomischer Probleme anzunehmen? Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei würde hohe Anforderungen an die europäische Gemeinschaft stellen, sie könnte daran scheitern. Die Europäische Union würde Gefahr laufen sich zu spalten, in eine „Kern-Union“, rund um die alten 15 Mitgliedsstaaten, und eine „Südosteuropäische-Union“. Sie hätte damit nicht nur ihren Einfluss verloren, sondern auch ihre Legitimation.
Die Europäische Union ist in den vergangenen zehn Jahren von 15 auf 27 Mitgliedsstaaten expandiert. Viele dieser Erweiterungen waren sinnvoll um die europäische Einigung weiter voranzutreiben, doch haben sie die EU handlungsunfähiger gemacht. Längst ist die EU kein rein ökonomisch agierender Apparat mehr, sie hegt zunehmend politische Ambitionen. Die Gesetzgebung aus Brüssel nimmt immer stärkeren Einfluss auf die Innenpolitik der Mitgliedsstaaten. Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei wäre aus ökonomischen, wie politischen Gründen heikel. Die Türkei ist in ihrer Fläche doppelt so groß wie Deutschland, mindestens sieben verschiedene Ethnien bewohnen dieses Staatsgebiet. Vor allem zwischen Kurden und Türken kommt es immer wieder zu Konflikten. Der türkische Staat ist zerrissen zwischen Militarismus, Kemalismus und Islamismus. Eine Einigung zwischen der Türkei und Griechenland um die Insel Zypern ist bis heute nicht erfolgt. Ist die EU stark genug sich solcher politischer Probleme anzunehmen? Die Volkswirtschaft der Türkei kämpft nach wie vor mit strukturellen Problemen, so ist der Osten des Landes nur gering wirtschaftlich Entwickelt. Im europäischen Teil des Landes, vor allem in der Hauptstadt Istanbul, nähern sich die Durchschnittslöhne westeuropäischem Niveau an. In der Zentral-Türkei liegen sie deutlich darunter, das dünn besiedelte Südostanatolien nahe der irakischen Grenze gilt als Armenhaus der Türkei. Ist die EU stark genug sich solcher ökonomischer Probleme anzunehmen? Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei würde hohe Anforderungen an die europäische Gemeinschaft stellen, sie könnte daran scheitern. Die Europäische Union würde Gefahr laufen sich zu spalten, in eine „Kern-Union“, rund um die alten 15 Mitgliedsstaaten, und eine „Südosteuropäische-Union“. Sie hätte damit nicht nur ihren Einfluss verloren, sondern auch ihre Legitimation.
„Reggaemusic is love, is peace, is unity“
Der 3. Ruhr Reggae Summer präsentiert ein Land der Rastas und des Reggae – es ist eines der Gefährlichsten der Welt
Was für eine Harmonie, welch Eintracht. Dieses liebevolle Miteinander. Alle sind sie so furchtbar nett, der Umgang ist so herzlich, als kenne man sich seit Jahren. Hunderte Menschen, und alle sind sie einander Freund. Gemeinsam tanzen sie ausgelassen zu den rhythmischen karibischen Klängen. „Reggaemusic is love, is peace, is unity“. Recht hat er, der jamaikanische Reggaemusiker Anthony B., das muss Liebe, Frieden und Einheit sein. Wenn Jamaika nur halb so schön ist wie der 3. Ruhr Reggae Summer in Mühlheim an der Ruhr, dann ist es wahrhaft ein Paradies. Eine schöne Illusion - mehr nicht .
Tatsächlich rangiert Jamaika auf Platz sechs der gefährlichsten Länder der Welt, gemessen an den Opfern durch Gewaltverbrechen. Nur solche Länder, wie der vom Bürgerkrieg gebeutelte Kongo stehen in der Statistik noch höher. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den jamaikanischen Ghettos – wie Trenchtown, dem Geburtsort Bob Marleys – liegt bei 25 Jahren. Gewalt, Drogen und Missbrauch sind Alltag auf Jamaika, einem Land das so schön und so schrecklich sein kann.
Die Runde stellt sich vor
Unser Lager schlagen wir direkt an der Ruhr auf, leider auch in unmittelbarer Nähe zur A 40. Ein Umstand, der einem in den frühen Morgenstunden leicht den Schlaf rauben kann. An den permanenten Lärm der Autobahn gewöhnt man sich erstaunlich schnell, an das Hupen der Fernfahrer nicht. Sie machen sich einen Spaß daraus, die kampierenden Massen auf dem Acker unter der Autobahnbrücke durch ihre Fanfaren aus dem Schlaf zu reißen. Die gut gelaunte und gut abgefüllte Gemeinschaft besteht aus sieben Mann und einer Frau. Um den in der Mitte platzierten Pavillon scharen sich fünf Zelte. Das ganze wirkt wie ein Archipel in einem Meer aus aberhunderten anderen Iglus, Pavillons und Gemeinschaftszelten. „Das wird ein geiles Wochenende“ sagt Maik, 25 Jahre, „Nehm euch ein gekühltes Bier“. Gerne Maik! Es ist wirklich für alles gesorgt. Maik ist Koch, hat einen zackigen Bürstenhaarschnitt und trägt einen lässigen Dreitagebart. Seine Freundin stellt den weiblichen Anteil an der illustren Runde. Ben und Marcel sitzen auf der Bierzeltgarnitur und studieren das Festivalprogramm. Das Lineup ist vielversprechend; Mr. Vegas, Anthony B., Shaggy – Größen der Reggae- und Dancehallmusik. Daneben noch zahlreiche deutsche Künstler, der bekannteste vielleicht ist Nosliw. Ben und Marcel sind Biologiestudenten, die drei Tage Ruhr Reggae Summer sollen ihre letzte Erholung vor der Diplomarbeit sein. Mit Christian, Micha und Toni ist die Truppe vollständig. Micha und Toni sind zwei unauffällige Typen, die ihrer Antriebslosigkeit Ausdruck verleihen, indem sie ihre Aktivitäten gänzlich nur aufs Biertrinken reduzieren. „Eigentlich will ich hier den ganzen Tag nur sitzen und trinken“, wirft Micha in die Runde während er kurz sein Bier absetzt, um es darauf wieder zum Mund zu führen. An Tonis bejahendem Kopfnicken kann man erkennen, dass er dieser Idee nicht abgeneigt ist. Anders Christian, ein quirliger dürrer Typ mit langen, zu einem Zopf gebundenen, lockigen Haaren. Der Begriff „Weltenbummler“ beschreibt Christian ganz passend. Mit seinem alten VW-Transporter aus Bundeswehrbeständen tourt er regelmäßig durch Europa; Kroatien, Bosnien, Italien. Er kann viel über andere Länder, Kulturen und interessante Menschen erzählen.
Versuch einer Typisierung
Das Publikum auf dem Ruhr Reggae Summer-Festival lässt sich in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe stellen zweifelsohne die Reggae-Fans, welche sich auch als solche zu erkennen geben. Dreadlocks, T-Shirts in den Ampelfarben oder bedruckt mit dem Konterfei Haile Selassie I., dem letzten Kaiser Äthiopiens und für die Rastas eine gottgleiche Gestalt. Die wenigsten sind Farbig, es sind weiße Jungs und Mädchen die eine tiefe, vereinzelt auch spirituelle, Verbundenheit zu der Rastakultur pflegen. Die Anhänger der zweiten Gruppe ähneln optisch sehr den „weißen Rastas“, nur sind sie mindestens 30 älter. Es sind Alternative, „Alt-68ger“, Hippies die sich wohlmöglich noch mehr als die Jugendlichen darüber freuen, dass auf Reggae-Festivals im Allgemeinen recht ungestört Marihuana konsumiert werden kann. Die dritte und letzte Gruppe stellen diejenigen, welche kaum als Fans der Reggaemusik wahrzunehmen sind. Sie mögen die Musik, das offen zur Schau zu stellen ist ihnen allerdings zuwider.
400 Years (Bob Marley)
Wie kein anderes Musikgenre ist die Reggae- und Dancehallmusik an die Insel Jamaika gebunden. Es gibt genügend bekannte und unbekannte deutsche Reggae-Interpreten, echter Reggae und Dancehall kommen aber aus Jamaika. Ohnehin ist Jamaika schwer in Mode auf dem Ruhr Reggae Summer; jamaikanisches Essen, jamaikanische Flaggen, landestypischer Schmuck und Literatur über und aus Jamaika. Die kleinen Buden auf dem Festivalgelände verkaufen beinahe alles, was in Verbindung mit Jamaika, den Rastas und Reggae gebracht werden kann. Dabei ist das Verhältnis der Rastafari zu Jamaika kompliziert. Sie hegen eine tiefe Liebe zu Flora und Fauna der Karibikinsel, verstehen ihr Tun und Wirken als nachhaltig und versuchen möglichst in Einklang mit der Natur zu Leben. Das politische System auf Jamaika wird strikt abgelehnt und als „babylonisch“ bezeichnet. Armut und Gewalt werden als gesellschaftliche Probleme wahrgenommen, dessen die Politiker nicht Herr werden. Eine Lösung sehen die Rastafari nur in einer spirituellen Rückkehr zu den afrikanischen Wurzeln. Ein religiöses Empfinden, was eigentlich nur die Jamaikaner verstehen können. Es ist geboren aus der Geschichte dieser Menschen, eine Geschichte der Verschiffung und Sklaverei. Eine 400 Jahre alte Geschichte, die immer noch präsent ist und Jamaika bis in die Gegenwart daran hindert stabile gesellschaftliche Strukturen vorzuweisen.
Musik zum entspannen und zum Feiern
„Ring the alarm…“ dröhnt es aus dem tragbaren CD-Player, „…another sound is dying”. Nach dem Auftritt von Anthony B. haben sich alle wieder in ihrer Zeltstätte eingefunden. Es ist spät und die Gesprächsthemen gehen aus, ohnehin wird langsam die Zunge schwer. Es war ein guter Auftritt, gute Stimmung, gutes Programm. Auch die drei Zugaben sein nicht selbstverständlich, versichert der routinierte Festivalbesucher Ben, er habe schon ganz andere Festivals erlebt, da hätte es überhaupt keine Zugaben gegeben. Maik verkriecht sich grade zu seiner Freundin ins Zelt, während Micha und Toni immer noch ihre Anteilnahme auf ein Minimum beschränken.
Anthony B. spielte das, was verlangt wurde. Ruhige Reggaebeats gefolgt von schnellen Dancehallriddims, Musik zum entspannen und zum feiern. Die gesellschaftskritischen Lieder, jene die Gewalt anprangern, die auf Missstände aufmerksam machen; fehlten an diesem Abend. Vielleicht weil kaum einer der Festivalbesucher das jamaikanische Kreol-Englisch „Patois“ versteht, vielleicht auch weil es sich zu solchen Liedern nicht gut entspannen oder feiern lässt.
Was für eine Harmonie, welch Eintracht. Dieses liebevolle Miteinander. Alle sind sie so furchtbar nett, der Umgang ist so herzlich, als kenne man sich seit Jahren. Hunderte Menschen, und alle sind sie einander Freund. Gemeinsam tanzen sie ausgelassen zu den rhythmischen karibischen Klängen. „Reggaemusic is love, is peace, is unity“. Recht hat er, der jamaikanische Reggaemusiker Anthony B., das muss Liebe, Frieden und Einheit sein. Wenn Jamaika nur halb so schön ist wie der 3. Ruhr Reggae Summer in Mühlheim an der Ruhr, dann ist es wahrhaft ein Paradies. Eine schöne Illusion - mehr nicht .
Tatsächlich rangiert Jamaika auf Platz sechs der gefährlichsten Länder der Welt, gemessen an den Opfern durch Gewaltverbrechen. Nur solche Länder, wie der vom Bürgerkrieg gebeutelte Kongo stehen in der Statistik noch höher. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den jamaikanischen Ghettos – wie Trenchtown, dem Geburtsort Bob Marleys – liegt bei 25 Jahren. Gewalt, Drogen und Missbrauch sind Alltag auf Jamaika, einem Land das so schön und so schrecklich sein kann.
Die Runde stellt sich vor
Unser Lager schlagen wir direkt an der Ruhr auf, leider auch in unmittelbarer Nähe zur A 40. Ein Umstand, der einem in den frühen Morgenstunden leicht den Schlaf rauben kann. An den permanenten Lärm der Autobahn gewöhnt man sich erstaunlich schnell, an das Hupen der Fernfahrer nicht. Sie machen sich einen Spaß daraus, die kampierenden Massen auf dem Acker unter der Autobahnbrücke durch ihre Fanfaren aus dem Schlaf zu reißen. Die gut gelaunte und gut abgefüllte Gemeinschaft besteht aus sieben Mann und einer Frau. Um den in der Mitte platzierten Pavillon scharen sich fünf Zelte. Das ganze wirkt wie ein Archipel in einem Meer aus aberhunderten anderen Iglus, Pavillons und Gemeinschaftszelten. „Das wird ein geiles Wochenende“ sagt Maik, 25 Jahre, „Nehm euch ein gekühltes Bier“. Gerne Maik! Es ist wirklich für alles gesorgt. Maik ist Koch, hat einen zackigen Bürstenhaarschnitt und trägt einen lässigen Dreitagebart. Seine Freundin stellt den weiblichen Anteil an der illustren Runde. Ben und Marcel sitzen auf der Bierzeltgarnitur und studieren das Festivalprogramm. Das Lineup ist vielversprechend; Mr. Vegas, Anthony B., Shaggy – Größen der Reggae- und Dancehallmusik. Daneben noch zahlreiche deutsche Künstler, der bekannteste vielleicht ist Nosliw. Ben und Marcel sind Biologiestudenten, die drei Tage Ruhr Reggae Summer sollen ihre letzte Erholung vor der Diplomarbeit sein. Mit Christian, Micha und Toni ist die Truppe vollständig. Micha und Toni sind zwei unauffällige Typen, die ihrer Antriebslosigkeit Ausdruck verleihen, indem sie ihre Aktivitäten gänzlich nur aufs Biertrinken reduzieren. „Eigentlich will ich hier den ganzen Tag nur sitzen und trinken“, wirft Micha in die Runde während er kurz sein Bier absetzt, um es darauf wieder zum Mund zu führen. An Tonis bejahendem Kopfnicken kann man erkennen, dass er dieser Idee nicht abgeneigt ist. Anders Christian, ein quirliger dürrer Typ mit langen, zu einem Zopf gebundenen, lockigen Haaren. Der Begriff „Weltenbummler“ beschreibt Christian ganz passend. Mit seinem alten VW-Transporter aus Bundeswehrbeständen tourt er regelmäßig durch Europa; Kroatien, Bosnien, Italien. Er kann viel über andere Länder, Kulturen und interessante Menschen erzählen.
Versuch einer Typisierung
Das Publikum auf dem Ruhr Reggae Summer-Festival lässt sich in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe stellen zweifelsohne die Reggae-Fans, welche sich auch als solche zu erkennen geben. Dreadlocks, T-Shirts in den Ampelfarben oder bedruckt mit dem Konterfei Haile Selassie I., dem letzten Kaiser Äthiopiens und für die Rastas eine gottgleiche Gestalt. Die wenigsten sind Farbig, es sind weiße Jungs und Mädchen die eine tiefe, vereinzelt auch spirituelle, Verbundenheit zu der Rastakultur pflegen. Die Anhänger der zweiten Gruppe ähneln optisch sehr den „weißen Rastas“, nur sind sie mindestens 30 älter. Es sind Alternative, „Alt-68ger“, Hippies die sich wohlmöglich noch mehr als die Jugendlichen darüber freuen, dass auf Reggae-Festivals im Allgemeinen recht ungestört Marihuana konsumiert werden kann. Die dritte und letzte Gruppe stellen diejenigen, welche kaum als Fans der Reggaemusik wahrzunehmen sind. Sie mögen die Musik, das offen zur Schau zu stellen ist ihnen allerdings zuwider.
400 Years (Bob Marley)
Wie kein anderes Musikgenre ist die Reggae- und Dancehallmusik an die Insel Jamaika gebunden. Es gibt genügend bekannte und unbekannte deutsche Reggae-Interpreten, echter Reggae und Dancehall kommen aber aus Jamaika. Ohnehin ist Jamaika schwer in Mode auf dem Ruhr Reggae Summer; jamaikanisches Essen, jamaikanische Flaggen, landestypischer Schmuck und Literatur über und aus Jamaika. Die kleinen Buden auf dem Festivalgelände verkaufen beinahe alles, was in Verbindung mit Jamaika, den Rastas und Reggae gebracht werden kann. Dabei ist das Verhältnis der Rastafari zu Jamaika kompliziert. Sie hegen eine tiefe Liebe zu Flora und Fauna der Karibikinsel, verstehen ihr Tun und Wirken als nachhaltig und versuchen möglichst in Einklang mit der Natur zu Leben. Das politische System auf Jamaika wird strikt abgelehnt und als „babylonisch“ bezeichnet. Armut und Gewalt werden als gesellschaftliche Probleme wahrgenommen, dessen die Politiker nicht Herr werden. Eine Lösung sehen die Rastafari nur in einer spirituellen Rückkehr zu den afrikanischen Wurzeln. Ein religiöses Empfinden, was eigentlich nur die Jamaikaner verstehen können. Es ist geboren aus der Geschichte dieser Menschen, eine Geschichte der Verschiffung und Sklaverei. Eine 400 Jahre alte Geschichte, die immer noch präsent ist und Jamaika bis in die Gegenwart daran hindert stabile gesellschaftliche Strukturen vorzuweisen.
Musik zum entspannen und zum Feiern
„Ring the alarm…“ dröhnt es aus dem tragbaren CD-Player, „…another sound is dying”. Nach dem Auftritt von Anthony B. haben sich alle wieder in ihrer Zeltstätte eingefunden. Es ist spät und die Gesprächsthemen gehen aus, ohnehin wird langsam die Zunge schwer. Es war ein guter Auftritt, gute Stimmung, gutes Programm. Auch die drei Zugaben sein nicht selbstverständlich, versichert der routinierte Festivalbesucher Ben, er habe schon ganz andere Festivals erlebt, da hätte es überhaupt keine Zugaben gegeben. Maik verkriecht sich grade zu seiner Freundin ins Zelt, während Micha und Toni immer noch ihre Anteilnahme auf ein Minimum beschränken.
Anthony B. spielte das, was verlangt wurde. Ruhige Reggaebeats gefolgt von schnellen Dancehallriddims, Musik zum entspannen und zum feiern. Die gesellschaftskritischen Lieder, jene die Gewalt anprangern, die auf Missstände aufmerksam machen; fehlten an diesem Abend. Vielleicht weil kaum einer der Festivalbesucher das jamaikanische Kreol-Englisch „Patois“ versteht, vielleicht auch weil es sich zu solchen Liedern nicht gut entspannen oder feiern lässt.
Freitag, 21. August 2009
Mr. Tambourine Man
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
Though I know that evenin's empire has returned into sand
Vanished from my hand
Left me blindly here to stand but still not sleeping
My weariness amazes me, I'm branded on my feet
I have no one to meet
And the ancient empty street's too dead for dreaming.
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
Take me on a trip upon your magic swirlin' ship
My senses have been stripped, my hands can't feel to grip
My toes too numb to step, wait only for my boot heels
To be wanderin'
I'm ready to go anywhere, I'm ready for to fade
Into my own parade, cast your dancing spell my way
I promise to go under it.
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
Though you might hear laughin', spinnin' swingin' madly across the sun
It's not aimed at anyone, it's just escapin' on the run
And but for the sky there are no fences facin'
And if you hear vague traces of skippin' reels of rhyme
To your tambourine in time, it's just a ragged clown behind
I wouldn't pay it any mind, it's just a shadow you're
Seein' that he's chasing.
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
Then take me disappearin' through the smoke rings of my mind
Down the foggy ruins of time, far past the frozen leaves
The haunted, frightened trees, out to the windy beach
Far from the twisted reach of crazy sorrow
Yes, to dance beneath the diamond sky with one hand waving free
Silhouetted by the sea, circled by the circus sands
With all memory and fate driven deep beneath the waves
Let me forget about today until tomorrow.
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
(Bob Dylan)
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
Though I know that evenin's empire has returned into sand
Vanished from my hand
Left me blindly here to stand but still not sleeping
My weariness amazes me, I'm branded on my feet
I have no one to meet
And the ancient empty street's too dead for dreaming.
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
Take me on a trip upon your magic swirlin' ship
My senses have been stripped, my hands can't feel to grip
My toes too numb to step, wait only for my boot heels
To be wanderin'
I'm ready to go anywhere, I'm ready for to fade
Into my own parade, cast your dancing spell my way
I promise to go under it.
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
Though you might hear laughin', spinnin' swingin' madly across the sun
It's not aimed at anyone, it's just escapin' on the run
And but for the sky there are no fences facin'
And if you hear vague traces of skippin' reels of rhyme
To your tambourine in time, it's just a ragged clown behind
I wouldn't pay it any mind, it's just a shadow you're
Seein' that he's chasing.
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
Then take me disappearin' through the smoke rings of my mind
Down the foggy ruins of time, far past the frozen leaves
The haunted, frightened trees, out to the windy beach
Far from the twisted reach of crazy sorrow
Yes, to dance beneath the diamond sky with one hand waving free
Silhouetted by the sea, circled by the circus sands
With all memory and fate driven deep beneath the waves
Let me forget about today until tomorrow.
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
I'm not sleepy and there is no place I'm going to
Hey ! Mr Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I'll come followin' you.
(Bob Dylan)
"Jeder Tag Sonntag"
Wer ihm wohlgesonnen ist würde ihn einen Künstler nennen. Einen Lebenskünstler. Wer ihm wohlgesonnen ist würde sagen, er sei jemand der andere Wege geht. Ein Outlaw. Wer ihn verachtet würde sagen er sei ein Penner. Ein Asozialer. Ein Schmarotzer und Nichtsnutz. Tatsächlich bewegt er sich zwischen diesen Extremen. Erregt das Ärgernis Mancher, und die Bewunderung Anderer. Was dieser Mann tut; nichts. Er tut rein gar nichts, und das reicht schon aus. Jochen Picht heißt dieser Mann, 38 Jahre alt, studierter Philosoph. Er hat sich schon lange dem Nichtstun zugewandt, keine Arbeit, kein geregelter Tagesablauf, keine Verantwortung. „Der Staat beschenkt mich auch“ sagt Jochen Picht. Geschenke bekommt er auch von seiner Mutter, seiner Cousine und Freunden. Mal Möbel, einen Laptop, nur die Bettwäsche die hat er sich von seinem eigenen Geld gekauft. Seinem eigenen selbstverdienten Geld. Denn, gearbeitet hat er schon. Ab und zu, ungeregelt und nicht fest. Doch davon hat er sich verabschiedet. Kommt man montagmorgens um zehn Uhr in Jochen Pichts spärlich möbliertes Schlafzimmer, dann riecht es nach Schlaf und nach kaltem Rauch. Wenn für Andere die Arbeitswoche beginnt, schläft Jochen Picht . Er hat keinen Grund aufzustehen, Arbeit wartet auf ihn nicht. Er will auch gar nicht, er hat die Arbeitslosigkeit selbst gewählt. Arbeiten, das ist nichts für Jochen Picht. Um zehn Uhr an einem Montagmorgen begrüßt er einen noch recht verschlafen, aber gesprächig. Groß und dünn ist Jochen Picht, hat schütteres Haar. Leicht unrasiert an diesem Montagmorgen. Hat er ein paar Sätze gesprochen, bemerkt man sofort dass er sich ausdrücken kann. Sein Philosophiestudium klingt in jedem seiner Worte mit. Er überlegt genau was er sagt, sagt es diffus, doch man kann verstehen wenn man verstehen will. Trotzdem, manches bleibt im Unklaren. Gern schaut Jochen Picht aus dem Fenster, lässt das Leben da draußen an ihm vorbei ziehen, beobachtet und macht sich seine Gedanken. Mit Müßiggang habe das nichts zu tun, er habe schon als Kind gern aus dem Fenster geschaut. Die Welt vor seinem Fenster, ist eine Welt an der er keinen Anteil nimmt. „Man kommt aus der Tür und weis gar nicht das Feiertag ist“, so etwas kommt schon mal vor in der Welt des Jochen Picht. Wenn er sich aus dem Bett gequält hat, schlüpft er in seine gelben Clogs. Auch die, ein Geschenk. Eigentlich ein Erbe, von einem guten Freund, welcher „Opfer der Gesundheitsreform“ wurde. Er konnte die zehn Euro für den Arzt nicht aufbringen und starb. Es sind vermutlich solche Äußerungen, die den Zorn seiner Mitmenschen erregen. Empfängt schon Hartz IV und hat noch die Frechheit den Staat zu kritisieren, hört man sie schimpfen.
Jochen Picht tritt aus der Tür, heute ist kein Feiertag. Er schwingt sich auf sein Mofa und tuckert die Straßen des Kölner Arbeiterviertels entlang. Fast schon eine Ironie, dass er ausgerechnet hier, im Arbeiterviertel Quartier bezogen hat. Doch sieht man genauer hin, dann fällt auf dass es hier nicht mehr viel Arbeit gibt, und auch nicht viele die arbeiten. Da fällt Jochen Picht kaum auf. Das Mofa fahren, das mag er. Langsam, gemächlich. Nur ein Gang, drauf steigen und los fahren. Kein Geschwindigkeitsrausch, kein Leben auf Koks. Dafür eine Flasche Bier am Rhein, ganz gemütlich. Auf der Brücke hinter ihm fahren die Züge vorbei, um diese Zeit voll mit Pendlern. Das müssen jene „Momente des geistigen Genusses“ sein, von denen er so gern erzählt. Dann wechselt Jochen Picht das Thema; Arbeit. Es klingt fast als wolle er sich rechtfertigen, wenn er über Arbeit spricht. „ Arbeit – wie Gefängnis“, er möchte „die Lichtstimmung in Freiheit erleben“. Sein Blick wendet sich einer Industriebrache zu, irgendwie bezeichnend für diesen Moment.
Doch da gibt es etwas, etwas für das Jochen Picht Verantwortung übernehmen muss, sein kleiner Sohn. Der wohnt oben im Norden, bei seiner Mutter. Sie war die kleine Liebe im Leben des Jochen Picht. Die große Liebe, die hat er selbst zerstört, gesteht er. Noch nachdenklicher und ein wenig melancholisch wirkt er jetzt, wenn er von den Frauen in seinem Leben erzählt. Doch wie mit allem, macht er sich auch mit den Frauen keinen Stress. Sie kommen und gehen.
Jochen Picht sitzt im Zug. Auf dem Weg nach Norden, zu seinem Sohn. Ein gutes Verhältnis habe er zu seinem Sohn. „Der weis wie der Vater ist“ – kein Grund sich zu rechtfertigen, nicht vor seinem Sohn. Im Zug erzählt er von einer Bekannten seiner Ex. Der Mutter seines Sohnes. Diese Bekannte, sie arbeitet in einer Bibliothek, würde „sehr gern ficken“. Jochen Picht lacht schälmisch. Provozieren kann er ja. Nichts von Provokationen, nichts von Vorträgen über Arbeit, das Leben und die Leichtigkeit des Seins, wenn er mit seinem Sohn zusammen ist. Er genießt die Zeit mit seinem Jungen. Er liebt ihn sehr. Spielt mit ihm am Strand, liest ihm Gute-Nacht-Geschichten vor. Die Zeit ist unbeschwert, vielleicht auch weil sein Sohn noch zu jung ist um unbequeme Fragen zu stellen. Auf der Heimfahrt wirkt Jochen Picht traurig, die Zeit war kurz. Am liebsten würde er in der Nähe seines Kindes wohnen. Da, wo er jetzt hinfährt ist er „nichts und hat auch nichts“. Alles was er ist, ist er durch seinen geliebten Jungen.
Es fällt schwer bei diesem Mann Objektiv zu bleiben. Vieles was er sagt, das denken sich viele. Den Schritt den er gewagt hat, in die selbst gewählte Arbeitslosigkeit, den trauen sich nur wenige. Die Konsequenzen die er tragen muss sind bitter. Ein Leben am äußersten sozialen Rand der Gesellschaft. Geächtet und gemieden von vielen die seine Lebensgeschichte kennen. Es ist der Preis der Freiheit. Seine Freiheit. Doch was bleibt ist das Gefühl, dass im Leben des Jochen Picht etwas auf der Strecke geblieben ist, und die Frage: „Wo fahr ich hin?“
Jochen Picht tritt aus der Tür, heute ist kein Feiertag. Er schwingt sich auf sein Mofa und tuckert die Straßen des Kölner Arbeiterviertels entlang. Fast schon eine Ironie, dass er ausgerechnet hier, im Arbeiterviertel Quartier bezogen hat. Doch sieht man genauer hin, dann fällt auf dass es hier nicht mehr viel Arbeit gibt, und auch nicht viele die arbeiten. Da fällt Jochen Picht kaum auf. Das Mofa fahren, das mag er. Langsam, gemächlich. Nur ein Gang, drauf steigen und los fahren. Kein Geschwindigkeitsrausch, kein Leben auf Koks. Dafür eine Flasche Bier am Rhein, ganz gemütlich. Auf der Brücke hinter ihm fahren die Züge vorbei, um diese Zeit voll mit Pendlern. Das müssen jene „Momente des geistigen Genusses“ sein, von denen er so gern erzählt. Dann wechselt Jochen Picht das Thema; Arbeit. Es klingt fast als wolle er sich rechtfertigen, wenn er über Arbeit spricht. „ Arbeit – wie Gefängnis“, er möchte „die Lichtstimmung in Freiheit erleben“. Sein Blick wendet sich einer Industriebrache zu, irgendwie bezeichnend für diesen Moment.
Doch da gibt es etwas, etwas für das Jochen Picht Verantwortung übernehmen muss, sein kleiner Sohn. Der wohnt oben im Norden, bei seiner Mutter. Sie war die kleine Liebe im Leben des Jochen Picht. Die große Liebe, die hat er selbst zerstört, gesteht er. Noch nachdenklicher und ein wenig melancholisch wirkt er jetzt, wenn er von den Frauen in seinem Leben erzählt. Doch wie mit allem, macht er sich auch mit den Frauen keinen Stress. Sie kommen und gehen.
Jochen Picht sitzt im Zug. Auf dem Weg nach Norden, zu seinem Sohn. Ein gutes Verhältnis habe er zu seinem Sohn. „Der weis wie der Vater ist“ – kein Grund sich zu rechtfertigen, nicht vor seinem Sohn. Im Zug erzählt er von einer Bekannten seiner Ex. Der Mutter seines Sohnes. Diese Bekannte, sie arbeitet in einer Bibliothek, würde „sehr gern ficken“. Jochen Picht lacht schälmisch. Provozieren kann er ja. Nichts von Provokationen, nichts von Vorträgen über Arbeit, das Leben und die Leichtigkeit des Seins, wenn er mit seinem Sohn zusammen ist. Er genießt die Zeit mit seinem Jungen. Er liebt ihn sehr. Spielt mit ihm am Strand, liest ihm Gute-Nacht-Geschichten vor. Die Zeit ist unbeschwert, vielleicht auch weil sein Sohn noch zu jung ist um unbequeme Fragen zu stellen. Auf der Heimfahrt wirkt Jochen Picht traurig, die Zeit war kurz. Am liebsten würde er in der Nähe seines Kindes wohnen. Da, wo er jetzt hinfährt ist er „nichts und hat auch nichts“. Alles was er ist, ist er durch seinen geliebten Jungen.
Es fällt schwer bei diesem Mann Objektiv zu bleiben. Vieles was er sagt, das denken sich viele. Den Schritt den er gewagt hat, in die selbst gewählte Arbeitslosigkeit, den trauen sich nur wenige. Die Konsequenzen die er tragen muss sind bitter. Ein Leben am äußersten sozialen Rand der Gesellschaft. Geächtet und gemieden von vielen die seine Lebensgeschichte kennen. Es ist der Preis der Freiheit. Seine Freiheit. Doch was bleibt ist das Gefühl, dass im Leben des Jochen Picht etwas auf der Strecke geblieben ist, und die Frage: „Wo fahr ich hin?“
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