Donnerstag, 27. August 2009

Spätsommer-Licht

Der Flur ist leer. Noch vor wenigen Stunden drängten sich hier Menschen aneinander vorbei. Hörte ich Stimmen und Schritte und den Kopierer, der sich Blätter zog und sie wieder auswarf. Aber nachmittags ist alles still. Am Donnerstag verlassen sie immer früh das Haus, manchmal wundere ich mich, wer nach mir die Tür abschließt. Ob da überhaupt noch jemand ist, der diese Aufgabe übernimmt? Vielleicht wird sie ja bald mir zu Teil, wenn sie registrieren, dass ich nach der großen Flucht dageblieben bin. Natürlich bin ich nicht allein. Da ist noch die Putzfrau, der Hausmeister, manchmal auch der Direktor. Sie verstecken sich in ihren Kammern und warten darauf, dass ich das Gebäude verlasse, bevor sie dann selber die Flucht ergreifen. Es muss ein Gesetz geben, das es jedem verbietet zu gehen, bevor ich noch nicht gegangen bin. Es ist nicht spät – früher Nachmittag – und doch ist es eine Stille wie in jener einen Stunde. Ich meine diese eine Stunde zwischen drei und vier Uhr in der Früh, wenn die Nacht sich neigt, aber der Tag noch auf sich warten lässt. Wenn kein Auto mehr auf den Straßen fährt und niemand meinen Weg kreuzt. Ich bin oft in jener Stunde nach Hause gekommen, daher ist mir diese Stille vertraut. Aber ist es dann ganz und gar still? Natürlich nicht. Geräusche sind auch dann noch auszumachen – vor allem die Eigenen. Der eigene Atem zum Beispiel. Die Luft, die ich durch meine Nüstern ziehe, um sie aus meinem Mund wieder entweichen zu lassen (der Kopierer tut es übrigens eben so. Er zieht sich lautstark das Papier, um es gleich darauf wieder auszuspucken). Ich nehme ihn sonst den ganzen Tag kaum war. Aber in jener Stunde, allein unterwegs auf den Straßen der Stadt, da kommt mir mein Atem so vertraut – ja, so beruhigend vor. Jetzt höre ich ihn wieder, und es wundert mich, dass die Sonne noch scheint an diesem Spätsommer-Nachmittag. Der Spätsommer ist wie jene Stunde zwischen drei und vier Uhr in der Früh. Wenn der Sommer sich neigt, aber der Herbst noch auf sich warten lässt. Es ist ein ganz besonderes Licht an diesen Spätsommer-Nachmittagen, kein Sommer-Licht und kein Herbst-Licht. Es ist etwas diffuses, irgendetwas für das es keinen Begriff gibt, aber jeder kennt es. Es ist ein Licht für das es keinen Begriff gibt, weil es kein Wort zu fassen wagt, weil es zu speziell ist um in einem Wort gefasst zu werden. Alle Bemühungen es in einem widerlichen Wortkonstrukt wie „Spätsommer-Licht“ zu fassen sind vergebens. Vielleicht auch, weil es überhaupt kein „Spätsommer-Licht“ gibt, weil es nur ein Gefühl von „Spätsommer-Licht“ gibt, und niemand das gleiche Licht fühlen kann, wie ich es grade tue. Aber, und dessen bin ich mir sicher, jeder hat es schon gefühlt, zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten. Für mich ist es aber kein Gefühl des Aufbruchs. So wie der Morgen, der sich allmählich bahn bricht in die Nacht, oder der Herbst, der Selbiges mit dem Sommer tut. Ich verlasse etwas. Ich lasse irgendetwas zurück. Ein Mädchen, ein Land oder weis Gott was sonst. Wenn ich nur wüsste was ich zurück lasse, vielleicht würde es mir helfen dieses Gefühl, dieses Licht in Worte zu fassen. Vielleicht sogar in einem einzigen Wort. Ein Wort das alles erklärt und für Jeden verständlich ist. Ein abstrakter Begriff, der die ungeheure Stärke dieses Gefühls bemisst, und so einen Richtwert angibt. Einen Richtwert, an dem sich alle anderen starken Gefühle bemessen lassen. So wie Geld, als ganz und gar abstraktes Konstrukt, einen Richtwert für den Wert einer Ware oder den Wert einer Arbeit geben kann.
Dieses unbeschreibliche Licht dringt durch die Fensterfront in den Flur hinein, und taucht alles in ein unbeschreibliches Gefühl. Ich habe meine Sachen gepackt, meinen Schreibtisch geräumt und mein Möglichstes getan. Ich werde nie wieder an diesen Ort zurückkehren.

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